Filmdatenbanken im Internet (IMDB zum Beispiel) scheinen zwar vollständiger als ihre gedruckten Vorbilder zu sein, liefern aber ein völlig konfuses Bild: Ihre Stärke – jedes noch so winzige bisschen Zusatzwissen in sich aufzunehmen – ist zugleich ihre größte Schwäche. Sie fragen nicht nach dem Wert ihrer Quellen und damit nicht nach dem Wert ihrer Informationen. Sie trennen also die Spreu vom Weizen nicht, sondern gewichten einfach alles gleich…
Lale Andersen wird beispielsweise als Beteiligte im Film Fritz und Friederike (D 1952) aufgeführt, obwohl dort nur ihre Gesangsstimme zu hören ist. Diese Zuordnung mag man gerade noch gelten lassen. Aber warum sie auch beim Film Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein (D 1953) genannt wird, erschließt sich nicht: Sie tritt nicht auf, sie ist nicht zu hören, sie hat auch im Hintergrund nicht mitgewirkt; sie hat nur die Titelschnulze für etwa zwei Jahre (auf deutsch und auf englisch) im Repertoire gehabt, das hat für irgendeinen Zuträger zur Datenbank (Mensch oder Maschine) vermutlich schon ausgereicht, sie hier mit „English Vocal“ zu listen.

Um also das Vertrauen in solche Filmdatenbanken ein wenig zu erschüttern, möchte ich kurz hier zwei Funde vorstellen, die stellvertretend für weitere Filmauftritte Lale Andersens stehen – und die mit Standbildern aus beiden Filmen auch nachgewiesen werden können. Keine verfügbare Datenbank kennt sie. Umso dringlicher, belegte Tatsachen wie diese nach und nach bekannt zu machen, um inmitten uferloser Scheininformationen einigermaßen sichere Orientierung zu geben.

Beide Rollen sind Statistenrollen. Es sind die frühesten Filmauftritte Lale Andersens (damals noch Liselott Wilke), die sich bislang nachweisen lassen. Die Künstlerin hatte der Reichsfachschaft Film als ihr Kameradebüt „1936: erstmalig“ angegeben; aber diese Angabe ist falsch. Denn bereits wenige Wochen nach ihrem Eintreffen in Berlin im Herbst 1929 hatte sie schon beim Filmdreh zu Dreyfus (D 1930) neben Fritz Kortner, Erwin Kalser und Heinrich George mitgewirkt. Ihre Freundschaft mit Erwin Kalser übrigens hielt sich über Jahre und hatte auch in seiner Emigration nach Zürich weiter Bestand.

In „Dreyfus“ verkörpert sie eine kleine, aber ungemein entscheidende Rolle: die der Marie Bastian. Als Putzfrau der deutschen Botschaft in Paris hatte diese durch Weitergabe weggeworfener Papierfetzen an den französischen Nachrichtendienst die Staatsaffäre um den jüdischen Militärhauptmann Alfred Dreyfus überhaupt erst angestoßen. In der betreffenden Szene fordert sie „100 Francs“ als Entlohnung ein und betrachtet – bauernstolz – ihre staatsbürgerliche Pflicht als erfüllt.

Der zweite Filmauftritt mit einer kleinen Rolle datiert mit seinem Dreh aus demselben Jahr und ist völlig anderer Natur: In Robert Siodmaks Der Mann, der seinen Mörder sucht (D 1931) erscheint sie als eine der Besucherinnen des Nachtclubs, in dem Heinz Rühmann als Titelheld Zerstreuung sucht, während er auf seine eigene Ermordung wartet. Gemeinsam mit den übrigen Gästen singt sie (immerhin mit einer eigenen Textzeile und eigener Stimme) das Lied „…leider keine Zeit“ – und tanzt kurz darauf mit ihrer Bekanntschaft am Tresen vorbei. Der junge quirlige Friedrich Holländer sitzt in derselben Gesangsszene übrigens am Klavier.

Lale Andersen selbst sah sich zu dieser Zeit noch als „singende Schauspielerin“. Erst die zunehmenden Bindungen an Kabarett, Rundfunk, Schallplattenverträge und ab 1939 auch an Fernsehverpflichtungen legten sie (bis zu ihrem Auftrittsverbot 1942) endgültig auf die Rolle der Sängerin fest.

Zu den weiteren Filmrollen Lale Andersens, die unbekannt geblieben sind, äußere ich mich später im Jahresverlauf genauer.
