EIN MANN VERGISST DIE LIEBE

Kinofilm

Lale-Andersen-Archiv

Beschreibung

Mit Willi Forst und Aribert Wäscher in ihren letzten Kinorollen: Der Film gilt als Kriminalfilm, ist aber eher ein Gesellschaftsfilm, unter anderem über die ewig neubehandelte Frage ehelicher Untreue. Als Stimmungsskizze der jungen Bundesrepublik ist er nicht uninteressant.

Dr. Rudolf Kadenberg, Rechtsanwalt und Strafverteidiger, führt eine inzwischen kühle Ehe. Zu gemeinsamen Unternehmungen findet er kaum noch Zeit. Die Kanzlei nimmt ihn stark in Anspruch, hat ihn ernst und unwirsch gemacht. Seine Frau Brigitte versucht deshalb, nach ihrer eigenen Auffassung einer guten Ehefrau nach amerikanischem Vorbild, ihm beim gesellschaftlichen Aufstieg zu helfen, arrangiert Abende und Treffen für ihn. Er aber lässt alle Möglichkeiten ungenutzt, weil sein Ziel nicht der gesellschaftliche Aufstieg, sondern die Arbeit selbst ist.

In dieser Zeit kommt seine Frau dem Junggesellen Alexander von Barender näher, einem Lebemann aus Österreich, den der Zeitenwechsel vom Gutsbesitzer zum Verkäufer in einem Blumenladen werden ließ.

Als der kühle Dr. Kadenberg als Rechtsanwalt eines Tages die Verteidigung des mutmaßlichen Raubmörders Heribert Thomsen übernehmen will, muss er erfahren, dass über den ebenfalls verdächtigten Herrn von Barender seine eigene Frau Brigitte in den Fall mitverwickelt ist: Zwischen Berufsethos, Wahrheitsfindung, Zweifeln an seiner Ehe und seinem Gefühl muss er eine Entscheidung treffen.

Die filmische Behandlung des Stoffes mag man heute für etwas zugeknöpft halten. Beispielsweise verbringt Brigitte nach der Oper mit Alexander von Barender zwar den Abend zusammen, aber ja gar nicht die Nacht – weshalb für den Zuschauer kein richtiger Anlass gegeben ist, letztlich am Happy-End zu zweifeln. Die Ehefrau bleibt de facto unschuldig, und nur der männliche Zweifel in einer ohnehin unterkühlten Ehe belastet die Gattin.

Überhaupt bleibt unklar, ob sich Brigitte nun von dem schwärmerischen, österreichischen Schwelger irgendwie angezogen fühlt, oder sich passiv lediglich mit vielem Kopfnicken und Handküssen den Hof machen lässt. Auch ob sich die nüchterne Dr. Kreese nun wirklich in ihren Chef verliebt hat und aus Vernunft verzichtet, oder er sich in sie, oder beide sich aus kollegialer Hochachtung schätzen und anhimmeln, bleibt unentschieden. Aber in dieser Zurückhaltung kann man auch einen Vorteil gegenüber jüngeren Filmen sehen: Nämlich den, dass der Phantasie mehr Raum gegeben wird, die Antriebe und Beweggründe der Handelnden selbst hinzuzudenken.

Dadurch bleibt der Film zwar beständig an der Oberfläche; denn was die Interaktion der Menschen angeht, ist er in seiner Erzählweise distanziert und kühl. Er gewinnt jedoch an Tiefe und Raum, sobald Zuschauer fähig sind, die Leerstellen des Gezeigten gedanklich aufzufüllen. Dieses eigenständige Auffüllen geschieht natürlich nicht einfach aus sich heraus, sondern braucht immer auch wahrgenommene Seh-Anlässe; und solche Anlässe können einerseits bedeutungsvolle Bilder, und kann andererseits gute – d.h. zur Mehrschichtigkeit fähige – Schauspielkunst liefern.

Die Namen Birgel, Holst, Forst, Düringer, Wäscher und Gretler stehen für sich. Sie geben den filmischen Personen die nötige Persönlichkeit und eine glaubhafte Charakterzeichnung, so dass sich bei jedem Handelnden durchaus viel Hintergründiges hinzudenken lässt. Das seltsam unkommunikative Zusammenleben der Kadenbergs und „ihre“ managerartigen Allüren, die „er“ nicht etwa im Vorfeld schon, sondern erst nach missglückter Umsetzung kritisiert, sind nur durch die eigenwillige schauspielerische Formgebung überzeugend. Seufzer, Blicke, Mienenspiel, Sätze die ins Stocken kommen, Sprechpausen und Gesten – sie bilden die Grundlage halbwegs überzeugender Rollen bei eigentlich oberflächlicher Erzählweise des Films.

Das Zusammentreffen beider Eheleute nach dem mutmaßlichen Ehebruch beispielsweise ist im Verhalten und im Gesagten geradezu bizarr; wie zwei Unbekannte, die sich über den richtigen Tonfall noch unsicher sind, stehen sie sich gegenüber. Doch genau darin liegt auch ein Reiz für den heutigen Zuschauer: Die Unbeholfenheit und fast schon korsetthafte Steifheit bei gleichzeitiger Figurentiefe, allein durch die Darstellerpersönlichkeiten vermittelt, kann seltsamerweise berühren. Hier halten Menschen beständig etwas zurück, was ihnen dann, wenn es darauf ankommt zu reden, im Wege steht.

Kauzig sind dagegen die Rollen und Auftritte von Elsa Wagner und Wolfgang Neuss. (Bei Elsa Wagner sieht man in diesem Film, was Hubert von Meyerinck und Gustaf Gründgens über die Fähigkeit der reizenden Baltin sagten, “wie man auch in den kleinsten Rollen das Größte geben kann.”[6]

Die Gesangseinlage Lys Assias (bereits in der etwa 15ten Minute) ist überaus kurz aber einnehmend: Bei einer Modenschau kommt die Sängerin auf den Laufsteg und singt im langen, engen Pailletten-Kleid, Handschuhe tragend und über die Schultern eine weiße Pelzstola geworfen, das melancholisch intonierte Titellied des Films. (Lassen wir dahingestellt, ob der Text eine geschlechtstypische Wirklichkeit oder nicht eher einen geschlechtstypischen Wunsch beschreibt!)

Ein Frauenherz braucht Liebe, denn das ist ihre Welt,
die sonst ohne Küsse und Liebe wie ein Kartenhaus zerfällt.
Ein Mann vergisst die Liebe, und denkt sich nichts dabei.
Doch ein Frauenherz – ein Frauenherz bleibt allein und bricht entzwei.

Noch während Lys Assia singt, strömen die Mannequins nach ihr wieder auf den Teppichläufer: eine seltsame, irreale Situation – für jede Modenschau, für jeden Gesangsauftritt. Vielleicht gilt die Sängerin auch als Haupt-Mannequin der Schau. Noch ein zweites Mal kann man das Lied hören, ganz leise (ca. 40ste Minute) von einem Tonband im Schlafzimmer der schmachtenden Dr. Kreese gespielt, deren „Kartenhaus“ wohl gerade „zerfällt“.

Überhaupt liegt eine eigenartige melancholische Grundstimmung über dem ganzen Film. Neben dem artigen, scheinheiligen Miteinander der Hauptdarsteller sorgt dafür die Figur des Diebes, Heribert Thomsen. Bis zum Schluss wird nicht aufgelöst, was ihn eigentlich genau umtreibt, antreibt, bewegt. Natürlich, er sagt, dass die Menschen nie besonders gut zu ihm waren – aber warum, das erfährt der Zuschauer nicht; und es wäre wichtig zu wissen, denn aus seiner Person und Erscheinung alleine erklärt sich nicht, warum die Menschen ihn nicht mögen sollten. Er ist ein sanftmütiger, wohlredender Mann, gebildet, einsam, ohne Geld, doch er hat echte Menschenwürde und ein großes Herz, und er ist der einsame Gegenentwurf zu allen Haupt- und Nebenpersonen, vor allem den amerikanisierten Aristokraten (wie den Eheleuten Kadenberg). Im Grunde ist ER die eigentliche Sympathiefigur des Films: Wer sich grundsätzlich von solchen, etwas schwerfälligen Filmen nicht angesprochen fühlt, bringt sich um diese eigenwilligen, erlebenswerten Genussmomente.

Spannung wird hier nicht durch Rasanz erzielt, sondern allein durch die Wechselfälle im Lebensverlauf der handelnden Menschen. Auch manche Aussagen, die nüchtern hingesetzt werden, erschrecken mit ihrer harten Ehrlichkeit im Gegensatz zum eher süßlich-kragensteifen Miteinander der Handelnden. Solche Aussagen ersetzen ganze wortreiche Schilderungen: „Acht Jahre vertan. Punkt.“ – so bilanziert Brigitte Kadenberg ihre Ehe vor dem Galan.

Die Kernfrage des Films dreht sich dabei gar nicht um einen Mann, der seine eheliche Liebe vergisst. Diese vermeintliche Unterlassungssünde ist nur Auslöser der Handlung. Der Filmtitel führt also in die Irre. Sondern Kern der Filmhandlung sind menschliche Entscheidungen und ihre unabdingbaren Folgen: Wahlmöglichkeiten in einer Partnerschaft, im Beruf, im gesellschaftlichen Miteinander, Tun und Lassen, Recht und Unrecht. Das Schönste an der Behandlung dieses Themas ist, dass der Film so gut wie kaum Stellung bezieht. Ist Brigitte Kadenbergs Verhalten nun gut oder schlecht? Es ist jedenfalls nachvollziehbar, und sie tut’s, und sie muss mit den Folgen umgehen. Ist Heribert Thomsens Entscheidung zum Diebstahl nun wohlüberlegt, krankhaft oder dumm? Er tut’s, und er muss mit den Folgen umgehen. Ohne viel Gegenwehr nehmen die Charaktere dieses Films die eintretenden Folgen einfach hin – und leben ihre lauen Leben unerschüttert weiter. Dass sich darin die damalige Zeit mit einem aus der NS-Zeit mitgeschleppten, angepassten Lebensgefühl widerspiegelt (durch Birgel, Forst und Engelmann, dazu schrieb Norbert Schultze die Filmmusik), ist wahrscheinlich.

 

Rollen & Darsteller

Dr. Rudolf Kadenberg: Willy Birgel
Brigitte Kadenberg: Maria Holst
Alexander von Barender: Willi Forst
Dr. Patricia Kreese: Annemarie Düringer
Heribert Thomsen: Heinrich Gretler
Stein, Geldverleiher: Aribert Wäscher
Spicker: Herbert Hübner
Kommissar Ehlers: Heinz Engelmann
Untersuchungsrichter: Charles Regnier
Polizist: Wolfgang Neuss
Kundin im Blumengeschäft: Elsa Wagner
Werner Fuetterer
Berta Drews
Ernst Stahl-Nachbaur
Paul Wagner
Arno Paulsen
Axel Monjé
Fritz Wagner
Hans Stiebner
Franz-Otto Krüger
Heinz Welzel
Erika Knab
Carl de Vogt
Kurt Vespermann

Lys Assia singt “Ein Frauenherz braucht Liebe”

 

Filmdaten

Regie: Volker von Collande
Drehbuch: Madeleine Paul & Werner Jörg Lüddecke

Musik: Norbert Schultze
Kamera: Werner Krien
Kamera-Assistenz: Gerhard Krüger
Regie-Assistenz: Carl von Barany
Bauten: Fritz Maurischat & Paul Markwitz
Kostüme: Sinaida Rudow
Schnitt: Carl Otto Bartning
Ton: Fritz Schwarz

Produktionsfirma: Apollo-Film-Produktion KG (Berlin)
Produzent: Willie Hoffmann-Andersen
Produktionsleitung: Fritz Hoppe
Aufnahmeleitung: Bruno Michalk, Alfred Arbeiter & Willi Mette
Atelieraufnahmen: Berlin-Tempelhof
Außenaufnahmen: Garmisch, Frankfurt und Wiesbaden

Uraufführung:
(D) 17.03.1955 und in Berlin-West am 29.03.1955

 

Quellen

  1. Marie-Theres Arnbom: Blitzlichter. Erinnerungen von Annemarie Düringer (2003), S. 91 und 197.
  2. Francesco Bono: Willi Forst. Ein filmkritisches Porträt (2010), S. 193 und 332.
  3. Illustrierte Film-Bühne Nr. 2707.
  4. Illustrierter Film-Kurier (Wien) Nr. 2232.
  5. Matthias Knoop: Rote Rosen und weißer Flieder. Die Blütezeit der Filmstadt Wiesbaden (1995), S. 50 und 149.
  6. Hubert von Meyerinck: Meine berühmten Freundinnen. Erinnerungen. (3. Auflage) dtv: 1971, S. 46.
  7. Eintrag in: IMDb.com – Internet Movie Database. (Stand 19.04.2020)
  8. Eintrag in: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. (Stand 19.04.2020)